Darknet

— 3585 words — 18 min


Darknet (Originaltitel: Freedom) ist das auf Daemon folgende Buch von Daniel Suarez. Wie Daemon habe ich auch das Buch zum zweiten oder dritten Mal gelesen und ebenfalls ein paar Passagen rausgeschrieben.

Seite 63

Einsichten

Sebeck und Laney sind in einer American Mall. Es geht über die Kirche, heute Konzerne genannt, über für viele unsichtbare Daten und Datenbroker, über die amerikanische Freiheit auf dem Level der Chinesischen—nur mit Illusion—und über Transparenz als höchstes Gut in einer hochentwickelten technologischen Gesellschaft.

Sebeck legte einen Schritt zu. «Schluss jetzt, Laney. Lassen Sie mich einfach in Ruhe herumlaufen, wo ich will.»

Price blieb an ihm dran. «Das, wo Sie gerade herumlaufen, Sir, ist eine private Einkaufsstraße – deren Betreten Ihnen jederzeit verwehrt werden kann. Lesen Sie die Tafel im Boden gleich am Eingang, wenn Sie mir nicht glauben. Diese Leute sind Bürger eines Gemeinwesens, das es nicht gibt, Sergeant. Amerika ist auch nur eine Marke, die wegen ihres ideellen Werts gekauft wird. Wegen dieses tollen Scheißlogos.»

«Yeah, klar, es ist alles eine einzige große Verschwörung …»

«Da braucht es gar keine Verschwörung. Es ist ein Prozess, der seit Jahrtausenden läuft. Reichtum akkumuliert sich und wird zu politischer Macht. So einfach ist das. ‹Konzern› ist nur das jüngste Wort dafür. Im Mittelalter war es die Kirche. Die hatte auch ein tolles Logo, haben Sie vielleicht schon mal gesehen. Und sie hatte mehr Filialen als Starbucks. Und davor war es das Römische Reich. Es ist ein natürlicher Prozess, der so alt ist wie die Menschheit.»

Sebeck starrte ihn nur wortlos an.

«Hey, ist doch nichts dabei, wenn Leute zugeben, dass sie nicht sich selbst gehören. Das ist der erste Schritt zur Befreiung. Sie müssen es sich nur eingestehen.»

«Sie sind ja irre.»

«Stimmt. Ich bin verrückt. Aber stellen Sie sich mal mit einem Protestschild hierher, dann werden Sie merken, wie schnell Ihnen die Security eins mit dem Taser auf den Arsch brennt. Wollen Sie sehen, wie die Welt wirklich ist, Sergeant? Vergessen Sie mal für einen Moment Ihre kulturelle Indoktrinierung.»

Price machte jetzt Armbewegungen, als vollführte er ein magisches Ritual. Sebeck wusste, was das hieß: Price manipulierte Objekte in einem Layer des D-Raums. Einem Layer, das auf Sebecks HUD-Brille noch nicht sichtbar war. Price holte weitere unsichtbare Objekte heran. Dann wandte er sich Sebeck zu. «Das ist die reale Welt, Sergeant. Die, nach der Sie sich so zurücksehnen.»

Plötzlich erschien ein neues D-Raum-Layer über der realen Welt: Tausende von Callouts, leuchtende Zahlen, die über den Köpfen der Mall-Besucher schwebten. Dollarbeträge, die positiven in Grün, die negativen in Rot. Die meisten Zahlen über den Köpfen der Leute waren rot. «– $ 23 393» stand über dem Kopf einer Frau von Mitte zwanzig, die in ein Handy sprach, «– $ 839 991» über einem gediegen gekleideten Mann in den Vierzigern, «– $ 17 189» über seiner Teenager-Tochter und so fort. Zahlen über Zahlen.

Price hob theatralisch die Arme. «Das Reinvermögen jedes Einzelnen. Echtzeitdaten.» Er runzelte die Stirn. «Ganz schön viel Rot da draußen, aber, na ja, das ist Amerika.»

Sebeck starrte auf die Flut von Zahlen um sich herum. Nicht jeder hatte eine Zahl über dem Kopf, aber die große Mehrheit. Ein junges Akademiker-Ehepaar mit Baby, beide Eltern mit Minusbeträgen in den vierzigtausend. Eine ärmlich gekleidete Frau von Mitte sechzig saß auf einer Bank beim Springbrunnen, über dem Kopf in leuchtendem Grün «$ 893 393». Sebeck studierte die Zahlen der Passanten. Es ließ sich nicht vorhersagen, wer Geld hatte und wer nicht. Besonders erfolgreich aussehende Leute waren teilweise am schlimmsten dran.

«Okay, Price. Das ist ja alles sehr interessant, aber ich sehe nicht, was es beweisen sollte. Der Daemon ermöglicht es Ihnen, den Kontostand dieser Leute einzusehen. Na und?»

«Falsch, Sergeant, es ist nicht der Daemon, der mir das ermöglicht.»

Sebeck sah ihn misstrauisch an. «Diese Zahlen erscheinen im D-Raum. Es muss doch das Darknet sein.»

Price schüttelte den Kopf. «Ich beziehe die Daten aus kommerziellen Netzwerken und projiziere sie in den D-Raum. Fragen Sie sich doch mal, wie ich den Kontostand dieser Leute herausbekommen sollte, ohne zu wissen, wie sie heißen. Vergessen Sie nicht: Es sind alles keine Darknet-Mitglieder.»

Sebeck dachte kurz nach. Er trat an die Galeriebrüstung und blickte auf den Strom von Zahlen hinab. «Sie wollen behaupten, dass Sie die Daten offen mit sich herumtragen?»

«Ganz genau. Was sagen Sie dazu?»

«Wie machen Sie das, Price? Jetzt mal im Ernst. Das ist doch nur gefaked, oder wollen Sie mir erzählen, dass jemand jedem da unten einen Ortungschip implantiert hat?»

«Niemand hat irgendwem irgendwas implantiert. Diese Leute bezahlen für ihre Ortungschips.» Price zeigte auf einen Handy-Laden in der Nähe, der mit Plakaten von schicken jungen Handybenutzern gepflastert war. «Handys werden ständig geortet und die Ortungsdaten in einer Datenbank gespeichert. Auch Bluetooth-Geräte haben eine individuelle Kennung. Telefon-Headsets, PDAs, Musik-Player. So ziemlich jedes elektronische Spielzeug, das man sich kaufen kann. Und inzwischen gibt es auch RFID-Tags in Führerscheinen, Pässen und Kreditkarten. Sie reagieren auf Funkenergie mit der Aussendung einer individuellen Kennung, aus der man die Identität der betreffenden Person erschließen kann. Privat betriebene Sensoren an Orten, wo sich viele Menschen aufhalten, sammeln diese Daten ein, und zwar in aller Welt. Mit dem Daemon hat das nichts zu tun.»

Price drehte sich wieder zur Mall, malte mit den Händen Kreise in sein D-Raum-Layer – und markierte so wandmontierte Sensoren an Kreuzungspunkten der Besucherströme. «Datenspeicherung kostet heutzutage fast nichts mehr, also zeichnen Datenbroker so gut wie alles auf, in der Hoffnung, dass es irgendwann für irgendwen von Wert sein wird. Die Daten werden von Dritten gesammelt, mit individuellen Identitäten verknüpft und verkauft wie andere Verbraucherdaten auch. Es ist keine Verschwörung. Es ist ein regulärer Wirtschaftszweig, aber einer, von dem die Leute da unten nichts wissen. Sie werden gechipt wie Schafe und haben dabei auch ungefähr so viel Mitspracherecht.»

Sebeck starrte auf den Strudel von Daten um sich herum.

«Wie sehen wir für einen Computeralgorithmus aus, Sergeant? Computeralgorithmen werden nämlich Entscheidungen fällen, die für diese Leute lebensbestimmend sind, und sie werden es auf Grundlage dieser Daten tun. Wie wär’s zum Beispiel mit der Kreditwürdigkeit – beurteilt von einem eigenmächtigen Algorithmus, den niemand hinterfragen kann?»

Plötzlich erschienen über all den Köpfen Kredit-Scores, farbkodiert von Grün bis Rot je nach Bonitätsgrad.

«Oder mit der Krankengeschichte?»

Listen von Medikamentenverordnungen und Vorerkrankungen erschienen über den Köpfen.

«Oder mit etwas ganz Zentralem: zwischenmenschliche Beziehungen. Benutzen wir doch mal Telefonverbindungsdaten, um die Personen zu identifizieren, die ihnen am wichtigsten sind …»

Plötzlich erschienen über den Köpfen die Namen der Betreffenden mit einem Diagramm ihrer häufigsten Kontakte – komplett mit Telefonnummern.

«Oder mit ihren Kaufgewohnheiten …»

Listen der jüngsten Kreditkartenkäufe leuchteten unter den Namen der Leute auf.

«Diese Daten verschwinden nie, Sergeant. Nie mehr. Und irgendwann werden sie womöglich verkauft, weiß der Himmel an wen – oder was.»

Price beugte sich näher an sein Ohr. «Stellen Sie sich doch mal vor, wie leicht man durch die Veränderung dieser Daten ins Leben von jemandem eingreifen könnte. Das ist wahre Kontrolle, oder? Ja, man braucht noch nicht mal ein Mensch zu sein, um Macht über diese Leute auszuüben. Deshalb breitet sich der Daemon ja so schnell aus.»

Sebeck umklammerte das Balkongeländer und schaute schweigend auf die Prozession von Daten. Die Leute gingen weiter, schwatzend, mit ihren Einkäufen beschäftigt. Sie ahnten nichts von der Wolke persönlicher Informationen, die sie unsichtbar umgab. Die ihr Leben bestimmte.

Price folgte Sebecks Blick. «Sie wollen mir erzählen, der Daemon dringe auf nie da gewesene Art ins Leben von Leuten ein. Er sei eine Gefahr für die Freiheit der Menschen. Darauf kann ich nur sagen, dass die Amerikaner keinen blassen Schimmer haben, wie es um ihre Freiheit steht. Sie sind ungefähr so frei wie die Chinesen. Nur dass die Chinesen sich keine Illusionen machen.»

Sebeck sagte eine ganze Weile gar nichts. Dann drehte er sich langsam zu Price um. «Was ist denn am Daemon besser, Laney?» Er zeigte auf sein eigenes Callout, das im D-Raum über ihm schwebte. «Wir tragen doch auch Information über dem Kopf.»

«Ja, aber wir können unsere sehen. Und wir merken es sofort, wenn jemand an unsere Daten rührt – und wir wissen auch, wer dran rührt. Transparenz. Das ist das Höchste, was man sich in einer technologisch hochentwickelten Gesellschaft erhoffen kann. Außerdem können wir alles Nichtmenschliche im Darknet sofort erkennen, weil Daemon-Bots keinen Menschenkörper haben.


Seite 229

Morris’ goldene Regeln der Computersicherheit. Über die philosophische Fragen, ob diese Systeme, Computer, uns mehr geben als sie uns nehmen?

Sie [Natalie Philips] musste lächeln, als sie an ihr Praktikum bei der NSA dachte. Damals war alles noch so einfach gewesen. Da war sie davon überzeugt gewesen, dass sie die Verschlüsselungstechnik revolutionieren würde. Sie erinnerte sich, wie verächtlich sie auf Morris’ goldene Regeln der Computersicherheit herabgeblickt hatte:

Besitze keinen Computer;
schalte keinen ein
und benutze keinen.

Der tiefere Sinn war ihr damals entgangen. Es war keine Kapitulationserklärung. Es war eine Meditation über Risiken versus Nutzen. Gaben diese Systeme den Menschen mehr, als sie ihnen nahmen? Es war das Eingeständnis, dass absolute Sicherheit nie möglich sein würde. Was es stattdessen anzustreben galt, war das schlichte Überleben.


Seite 287

Farming im industriellen Stil. Zum Thema Mais gab es auch von Last Week Tonight mit John Oliver kürzlich eine Folge.

Das da ist nur eine grüne Wüste. Hier draußen würde man verhungern. Dieser Mais ist nicht essbar – er besteht nur aus Stärke; man muss ihn erst in einem industriellen Magen mit Säuren und Chemikalien verdauen, um ihn in Nahrungsmittelzusätze zu zerlegen. Wir haben hier Mais, so weit das Auge reicht, und können uns nicht mal selbst ernähren.»

«Das ist ja wohl so gewollt.»

Fossen nickte. «Verdammt richtig erkannt. In den 1890er Jahren hat das Big Business die Farmer auch schon aufs Kreuz gelegt, und damals hat mein Großvater sich das auch nicht gefallen lassen. Es gab einen Aufstand. Man würde es vielleicht nicht denken, aber es waren immer die Farmer, die in diesem Land Krach geschlagen haben. Sie haben für sich selbst gearbeitet, waren autark und haben sich von keinem was bieten lassen. Aber dann ist irgend so ein schlauer Dreckskerl draufgekommen, wie man es hinkriegen kann, dass Feldfrüchte nicht mehr essbar sind. Meine Familie hat vierzig Jahre lang Landwirtschaft im industriellen Stil betrieben, und alles, was das produziert hat, waren Schulden, Umweltverschmutzung und Wasserknappheit. Das ruiniert den Boden und die Menschen darauf.»

Wer trägt die Kosten im System Wachstum duch Subvention…?

Ross deutete mit dem Kinn auf die eintönigen Felder. «Glauben Sie, die anderen Farmer werden das auch ändern?»

«Wird ihnen gar nichts anderes übrigbleiben. Benzin ist jetzt bei – wie viel? Achtzehn Dollar die Gallone? Die Agrarindustrie und die weltweite Herstellungs- und Lieferkette schlucken die fossilen Brennstoffe in rasendem Tempo.» Er zählte die einzelnen Punkte an den Fingern ab. «Erdgas in den Düngemitteln, Pestizide auf Erdölbasis, Kraftstoff für die Traktoren, noch mehr Kraftstoff für den Transport zu Verarbeitungsbetrieben, Kraftstoff, um die Roherzeugnisse zu Nahrungsmittelzusätzen zu verarbeiten, dann daraus Produkte herzustellen und schließlich die Produkte durchs ganze Land oder die ganze Welt zum Verbraucher zu karren – dreizehnhundert Meilen im Schnitt.»

«Was hat Sie schließlich zum Umdenken gebracht?»

Fossen dachte kurz nach, lachte dann auf. «Dass ich angefangen habe, darüber nachzudenken und mich zu informieren, warum Landwirtschaft keinen Sinn mehr macht. Wir haben letztlich Öl und Grundwasser verbraucht, um kurzfristig die Erträge zu steigern, nur damit die Wall-Street-Investoren das Wachstum kriegen, das sie verlangen. Das ist ein verrücktes System. Es funktioniert nur, wenn man die gesamten Kosten dem Steuerzahler aufbrummt. Der zahlt dann nämlich die Agrarsubventionen, die der Agrarindustrie zufließen, und die Militärausgaben zur Sicherung fossiler Brennstoffe. Im Grunde bezahlen wir dafür, dass die Konzerne die Kontrolle über die Nahrungsversorgung an sich reißen und uns unsere Lebensbedingungen diktieren.»


Seite 311

Demokratie und Machtverteilung.

«Ich will Ihnen sagen, was mir Sorge macht, Pete: Das Darknet ist ein verschlüsseltes drahtloses Netzwerk, das sich ständig verändert, aber es braucht auch Elemente, die es erhalten, und ich befürchte, dass einige fähige Köpfe daran arbeiten, sich in den Daemon einzuhacken und ihn unter Kontrolle zu bringen.»

«Halten Sie das für möglich?»

Er nickte. «Wenn das gelingen sollte, könnte dieser neue Frühling der Freiheit bald vorbei sein. Und das wäre nicht mein erster falscher Frühling.»

«Und dieser Major ist…»

«Teil eines Finanzsystems, das hinter den Kulissen die Strippen zieht. Diese Leute wissen, dass die Weltwirtschaft wankt, und sie scheinen den Daemon als Mittel zu sehen, sie wieder in den Griff zu kriegen. Darknet-Feeds verzeichnen einen Anstieg repressiver Gewalt in aller Welt – gerichtet gegen resiliente Darknet-Communities. Sie wollen nicht, dass Menschen so leben…» Er zeigte auf die Stadt.

«Sie meinen, autark?»

«Genau. Wirkliche Demokratie ist etwas verdammt Seltenes. Überall wird von Demokratie geredet, aber das sind bloß Leerhülsen. Sie nennen es nur Demokratie. Sie benutzen das Vokabular, die Requisiten, aber es ist nichts weiter als Theater. Was eure Gründerväter getan haben, das war handfest und echt. Aber das Problem an Demokratien ist, dass sie schwer aufrechtzuerhalten sind. Besonders angesichts hochentwickelter Technologien. Wie soll man sich seine Freiheit bewahren, wenn die Mächtigen Softwarebots einsetzen können, um abweichende Meinungen aufzuspüren, und wenn sie Unruhestifter mit Drohnen ausschalten können? Menschen werden immer unnötiger, um in der modernen Welt Macht auszuüben.»

«Laney nennt das ‹Neofeudalismus›.»

Vom anderen Tischende kam Price’ Stimme. «Und es ist schon im Gange, Sergeant, ich sag’s Ihnen.»

Ross drehte sich zu Price. «Wie meinen Sie das?»

«Schauen Sie, im mittelalterlichen Europa konnte ein gepanzerter Ritter zu Pferd jede Menge einfaches Fußvolk besiegen.» Er stach mit einer Gabel in Ross’ Richtung. «Mit den modernen Elitekriegern ist es ganz ähnlich – sie können mit überlegener Technologie Massenheere von gewöhnlichen Wehrpflichtigen niedermähen. Und was passiert, wenn kleine Elitetrupps ganze Bürgerheere bezwingen können? Der Feudalismus zieht wieder ein – landlose Leibeigene und eine dauerhaft herrschende Klasse. Nehmen Sie nur mal die befestigten Luxuswohnanlagen, die überall hochgezogen werden, mit eigenen Sicherheitskräften. Das ist Neofeudalismus, Mann.»

Ross wandte sich wieder Sebeck zu. «Ich werde nie begreifen, wie wir das zulassen konnten.»

«Demokratie erfordert aktive Beteiligung, und früher oder später ist irgendjemand so aufopferungsvoll, anzubieten, einem die ganzen komplizierten Entscheidungsprozeduren abzunehmen, wo man doch sowieso schon so ein stressiges Leben hat. Das Darknet hingegen lädt den Menschen diese Entscheidungen wieder auf. Es verankert Demokratie in der DNA der Zivilisation. Man stimmt mehrmals am Tag über Dinge ab, die sich unmittelbar auf das eigene Leben und das Leben der Menschen um einen herum auswirken – nicht nur alle paar Jahre einmal über Dinge, die zu beeinflussen man sowieso nicht den Hauch einer Chance hat.»

Sebeck trank seinen Espresso aus. «Hören Sie, ich sehe ja, dass verteilte Demokratie in Holons wie diesem hier funktioniert, aber kann man wirklich eine ganze Zivilisation mit etwas am Laufen halten, das letztlich eine Game-Engine ist?»

«Können Sie mir irgendwas nennen, was kampferprobter wäre? Der Daemon wurde und wird von jedem Elitehacker auf diesem Planeten auf jede erdenkliche Art angegriffen. Sobol hat im Grunde ein Heer von Teenager-Gamern eingesetzt, um das Betriebssystem einer neuen Zivilisation dem Betatest zu unterziehen. All diese vielen Stunden in irgendwelchen Game-Welten waren wohl doch keine Zeitverschwendung.»

Price lachte. «Stimmt haargenau, Mann.»

Nach der Passage kommt auch noch eine kurze Erwähnung der Themis-Skala, welche die Verteilung der Darknet-Macht anzeigt. Nach links ausgeschlagen heißt, die Macht ist breit verteilt, während ein Ausschlag nach recht heißt, dass die Macht auf wenige verteilt ist.


Seite 318

Der freie Markt, Handelsverträge und die Zweiklassengesellschaft bestehend aus Besitzenden und Besitzlosen.

Natalie Philips ist im Flugzeug auf dem Weg zur Sky Ranch mit einem anderem erst unbekannten Mann.

«Und? Warum haben die Sie da runterbeordert?»

Philips wandte sich ihm zu. «Ich rede nicht über meine Arbeit.»

Er grinste. «So war ich auch mal.»

«Tja, ich bin immer noch so.»

Er stellte den Ton ab, während auf dem Bildschirm brennende Häuser zu sehen waren, und legte die Fernbedienung weg. «Schade, dass es in diesem Ding keine Bar gibt. Ich könnte einen Drink vertragen.»

Philips versuchte ihn zu ignorieren.

«Ich heiße übrigens Rob. Und Sie sind?»

Philips musterte die ausgestreckte Hand lediglich. «Rob, nehmen Sie’s mir nicht übel, aber es ist nicht so gedacht, dass wir hier nett miteinander plaudern. Wir haben es mit einer ernsten Krise zu tun. Ich würde vorschlagen, Sie nutzen die Zeit hier, um sich auf das zu konzentrieren, was Sie dagegen unternehmen wollen.»

«Ah.» Er zog die Hand zurück. «Dann haben Sie also schon ein Angebot angenommen.»

Philips fühlte plötzlich Ärger in sich aufsteigen. «Ich habe gar nichts angenommen. Ich bin von einer Regierungsbehörde an die Weyburn Labs ausgeliehen worden.»

«Ja, genau so läuft das.» Er setzte sich ihr gegenüber. «Ich war auch im Regierungsdienst. Aber nach einer gewissen Zeit wird man einfach …» Er sah sich in der Kabine um. «Herrgott, ich könnte wirklich einen Drink vertragen!»

Sie sagte nichts, versuchte sich wieder auf den Code in ihrem Kopf zu konzentrieren.

«Ich kann Ihnen sagen, ich war in ein paar richtig üblen Diktaturen eingesetzt. Wir haben mitgeholfen, in der Welt ein riesiges Wirtschaftsimperium aufzubauen. Verdammt, wir haben damals dem Kommunismus Einhalt geboten. Es wurden ganz schön dubiose Dinge unternommen, um die Sowjets in ihre Schranken zu weisen. Wir haben eine Menge Irrer auf den Thron gehoben, die wirtschaftsfreundlich waren. Aber was danach passieren würde – darüber haben wir nicht groß nachgedacht.»

«Ich glaube nicht, dass Sie darüber sprechen sollten, Rob.»

«Warum nicht? Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ist Ihnen dieses Gefühl bekannt?»

Sie starrte ihn nur an.

«Wissen Sie, warum die Krasnaja Mafia – die russische Mafia – so kurz nach dem Fall der UdSSR aus dem Boden schießen konnte, bestens formiert, organisiert und finanziert? Haben Sie sich je gefragt, wo diese Typen herkamen?»

Philips dachte darüber nach und merkte, dass sie sich darüber noch nie Gedanken gemacht hatte.

«Der Geheimdienstsektor. Der KGB. Die Kerle waren über die ganze Welt verteilt. Sie hatten verdeckte Kommunikationsstrukturen und Bankkonten und das nötige Wissen, um Geld zu bewegen und zu waschen. Sie beherrschten so nützliche Dinge wie Abhörtechniken, den Umgang mit Waffen, und sie hatten einen Anreiz – jede Menge Feinde.

Auch von unseren Jungs kamen einige nach dem Kalten Krieg nicht zurück. Sie halfen, das System aufrechtzuerhalten, das wir zur Eindämmung des Kommunismus in aller Welt errichtet hatten, und es wurde das System, dem wir jetzt alle angehören.»

«Eine verräterische Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten?»

Rob schüttelte den Kopf. «Zum Verrat der Vereinigten Staaten braucht es keine Verschwörung. Das war’s, was Sobol begriffen hat. Deshalb hat sein Hack funktioniert. Der freie Markt ist nichts als ein System von positiver und negativer Verstärkung, mit ein paar Stellschrauben, um es aufrechtzuerhalten. Der einzige Sinn und Zweck dieses Systems ist die Profitmaximierung. Für wen diese Renditen gemacht werden, ist unerheblich. Die Profiteure könnten irgendwann eine Hundertachtzig-Grad-Wende vollziehen und große Philanthropen werden – wer weiß? Wen juckt’s? Es gibt ja immer eine neue Riege von Investoren. Leute, die mit den Millisekunden-Fluktuationen der Märkte arbeiten wollen, um sehr schnell sehr reich zu werden. Sie kriegen vielleicht gar nie mit, was in ihrem Namen passiert. Das war das Geheimnis, das Sobol erkannt hat. Und er begründete ein neues System, das einem breiteren Willen Geltung verschafft. Und darum drehen die alten Strippenzieher durch. Der Daemon ist die erste echte Bedrohung, mit der sie konfrontiert sind.»

«Aber was sie im Ausland machen, kann sich doch nicht auf unsere amerikanische Rechts- und Gesellschaftsordnung auswirken.»

Er starrte sie einen Moment an – und lachte dann. «Internationale Handelsverträge sind Verfassungszusätzen gleichgestellt. Sie sind ‹das höchste Gesetz des Landes›, laut Artikel 4, Absatz 2. Das heißt, wir müssen Außenhandelsverpflichtungen nachkommen oder aber Reformen durchführen – und ich habe mit eigenen Augen gesehen, was solche Reformen bewirken. Sie erschaffen eine Zweiklassengesellschaft aus Besitzenden und Besitzlosen. Die Reichen bunkern sich ein. Es ist keine Verschwörung, nur eine Reaktion innerhalb eines einmal in Gang gesetzten Prozesses. Man braucht nicht mal zu wissen, was das Ziel ist. Deshalb funktioniert das System – weil es nicht auf Individuen angewiesen ist.»

Sie saßen einen Moment lang schweigend da, lauschten dem Dröhnen der Triebwerke.

«Wenn Sie so denken, warum sitzen Sie dann in diesem Flugzeug?»

Er zuckte die Achseln. «Irgendwann kapiert man, dass es unausweichlich ist. Was jetzt läuft, ist nicht aufzuhalten.»


Seite: 452

Die finalen News.

Plötzlich schaltete ein Board-Operator wieder auf die Nachrichten-TV-Sender um, und da war fast auf jedem Kanal Anji Anderson. Sie saß an einem Konferenztisch. Es schien sich um Aufnahmen einer Überwachungskamera zu handeln, da es ein Blickwinkel aus Deckenhöhe war – aber die Person im Bild war unverkennbar Anji Anderson, die berühmte Nachrichtenmoderatorin.

Connelly starrte verwirrt auf die Monitore. «Was zum Teufel ist das?» Der Board-Operator griff sich jetzt ebenfalls seine Jacke. «Das kommt auf allen Sendern. Jemand hat das Notfall-Uplink gehijackt, das wir nach dem Blackout benutzen wollten. Irgendwie sind sie an Videomaterial des Überwachungssystems gekommen.»

Alle im Kontrollzentrum blickten zu den Kameragehäusen an der Decke empor.

«Großer Gott…»

«Ich rate Ihnen zu verschwinden, General. Unsere Geheimnisse sind keine mehr.»

Connelly blickte wieder auf die Live-TV-Monitore. Anji Anderson nickte, während Leute, die wie Berater wirkten, ihr etwas erklärten.

« – aber dem amerikanischen Volk muss die Veränderung über eine plötzliche, heftige Zäsur verkauft werden. Sonst werden sich die Leute heftig dagegen wehren. Wir brauchen ein Ereignis als Demarkation zwischen dem, was war, und dem, was kommen muss. Das sind übergangspsychologische Erkenntnisse.»

Anderson nickte. «Und der Blackout ist so ein Ereignis?»

«Unsere Studien belegen, dass eine Phase genereller Anarchie schon ab achtundvierzigstündiger Dauer die breite Masse bereit machen wird, einschneidende Veränderungen zu akzeptieren, wenn ihr dafür Sicherheit geboten wird.»

Ein weiterer Berater hielt einen Graphikentwurf auf Leichtschaumpappe hoch. «Wir nennen es Cybergeddon.»

«Das ist griffig…»


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